„Hey Alter”, rief mir mein Neffe zu, als ich den Restaurantgarten betrat, in dem wir an jenem Abend den Geburtstag seines Vaters feierten. Bittersüss. Als nippte ich am Aperol Spritz meiner Freundin. Denn ich müsste lügen, würde ich behaupten, die erfrischende Begrüssung hätte mir nicht geschmeichelt. Onkel im Fleische, Bruder im Geiste. Andererseits schliessen seine Worte eine buchstäbliche Interpretation nicht aus. Bin ich in seinen Augen alt? Nun, ich will hier keine Litanei über das abgedroschene „Man ist so alt, wie man sich fühlt“ zum Besten geben. Die persönliche Wahrnehmung des eigenen Alters hat aber durchaus etwas Faszinierendes an sich. Albere ich mit dem familialen Nachwuchs herum, fühle ich mich in die Kindheitsjahre zurückversetzt. Ich meine in die unbeschwerten pretestosteronen Jahre. Erwische ich mich hingegen dabei, am Fenster unserer Wohnung in die Rolle des wachsamen Dorfpolizisten zu schlüpfen, werde ich ganz schnell ganz alt.

Die Ambivalenz des Mittagsschläfchens

So oder so. In der Regel arbeiten wir montags bis freitags – und können uns erst noch auf Ferien, Sabbaticals oder andere Auszeiten freuen. Älter werden müssen wir jeden einzelnen Tag, vom ersten bis zum letzten. Für viele stellt dieser unaufhörliche Kraftakt die Herausforderung des Menschseins schlechthin dar. Aber wieso denn nur? Vergessen Sie die herzzerreissenden Tragödien früherer Tage nicht. Etwa, als Sie ein Raufbold auf dem Kieker hatte und regelmässig mit einer Packung Juckpulver in die Pause geleitete. Als die Lehrerin bestimmte, mit welchem Mädchen oder Jungen Sie Hand in Hand den Kinderfestumzug zu bestreiten haben. Oder als Sie an Sommerabenden mit Potenzial für grosse Abenteuer unanständig früh ins Bett mussten, damit sich „die Erwachsenen noch in Ruhe unterhalten können“. Der Pausenplatz-Rowdy juckt mich schon lange nicht mehr. Die Hand gebe ich seit zehn Jahren dem gleichen Mädchen. Und das meistens freiwillig. Und was das Schlafen anbelangt, so avanciert das dereinst als grausamer Akt elterlichen Sadismus’ empfundene Mittagsschläfchen inzwischen auch schon mal zum Höhepunkt des Tages.

Busfahren für Fortgeschrittene

Das Alter öffnet einem Türen – und verhilft einem bisweilen zu einer Busfahrt im Sitzen. Währenddessen Teenager höchst selten Sitzgelegenheiten von ergrauten Wegbegleitern angeboten bekommen. Wenn wir schon dabei sind: Kennt jemand eine Faustregel, wann man einer mutmasslich älteren Person den Platz zur Verfügung stellt? Das ist eine Gratwanderung. Oder vielmehr eine Gratbusfahrt. Tut man es zu restriktiv, erntet man böse Blicke. Tut man es bei einem zu rüstigen Rentner, wird man rasch der vorsätzlichen Beleidigung bezichtigt. Vorsätzlich. Das bringt mich im Gedenken an Peter Ustinov zu einem weiteren Vorteil des Älterwerdens. Der mittlerweile verstorbene britische Schauspieler wurde im Rahmen eines TV-Interviews an seinem 80. Geburtstag gefragt, ob er Vorsätze für das nächste Lebensjahr habe. Sir Ustinov schmunzelte und sagte: „In meinem Alter hat man keine Vorsätze mehr, höchstens Nachsätze.“ Klingt doch gut. Nicht mehr ständig dem Druck ausgesetzt zu sein, inskünftig alles besser machen zu müssen.

Gibts die Klimaerwärmung auch kalt?

Das war jetzt gar einseitig. Mehr Lebenslenzen bedeuten nicht automatisch, dass alles rosig ist. Der Ausgewogenheit halber erwähne ich – abgesehen von den vielen physischen Mätzchen – noch einen sauren Apfel, in den man erst als „Grosser“ zu beissen hat. Kinder kriegen zu Geburtstag und Weihnachten die coolsten Sachen. Und Erwachsene? Zeichnungen! Ich spreche nicht von ehrlich gemeinter, zu Papier gebrachter Liebe eines Kindes für seine Eltern. Ich spreche von den zerknüllten und sporadisch mit Essensresten versehenen A4-Seiten, auf denen zwei aussagefreie Striche dazu genötigt werden, ein Kunstwerk zu mimen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe Kinder und habe dies bereits in mehreren Causerien explizit erwähnt. Aber hey, die Klimaerwärmung kann mitunter im Kinderzimmer verlangsamt werden. Also nehmen wir den kleinen Picassos von Zeit zu Zeit die Farbstifte weg und lassen Bäume Bäume sein. Kinder inspirieren mich auf 1000 andere Arten. Zum Beispiel fragte der jüngste meiner Neffen an der eingangs erwähnten Feier die Bedienung, ob es möglich wäre, die kalte Ovo warm zu bekommen. Und ich sitze als Texter Woche für Woche vor der Tastatur und versuche, kreativ zu sein …