„Weisch, det eschs nome om ‚Gesehen und gesehen werden’ gange“. Sie möge mir die Zitierung in der vorliegenden Causerie verzeihen. Aber ich finde die kürzliche Antwort meiner Schwiegermutter in spe auf die Frage, wie das Fest am Abend zuvor gewesen sei, einfach zu erwähnenswert. Vor dem geistigen Auge versuchte ich, mich in die groteske Szenerie hineinzuversetzen. In diesen sicherlich piekfein hergerichteten Saal, in dem alle nur gesehen wurden, aber keiner hinsah. Dem weiteren Gesprächsverlauf konnte ich nicht mehr folgen. In meiner grenzenlosen Kindlichkeit kreisten meine Gedanken um die Frage nach der Realisierbarkeit einer Neuinterpretation des Spieleklassikers „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Genug jetzt. Sonst wird jenes sonntägliche Abendmahl für mich im Elternhaus meiner Freundin das letzte gewesen sein.

Die Ali des Konversierens

Aber mal im Ernst, avanciert das „Gesehen und gesehen werden“ nicht für etliche Zeitgenossen immer mehr zum mutmasslich wichtigsten Lebensinhalt? Für all die Vujo Gavrics und Irina Bellers, die selbst der Behandlung des eigenen Fusspilzes genügend News-Gehalt beimessen, um darüber postwendend einen Post abzusetzen. Zu eigenliebliche Tendenzen gibt es aber längst nicht nur in der Welt der Chipolata-Prominenz. Ebenso häufig erweisen sich die Narzissten des gemeinen Fussvolkes als Verfechter des „Gehört und gehört werdens“. Kürzlich schlürfte ich in meinem Lieblingscafé einen Cappuccino und horchte einem monologisierten Dialog zweier Freundinnen. „De Jetlag esch heftig. Aber Bali esch im Fau de Hammer. Vöu schöner aus d’Maledive. Blablabla.“ „Wörkli?“ „Die Uszit hani brucht. Obwouh, drü Woche send zweni. I cha öisi Wäutreis chum erwarte. Blablabla.“ „Secher?“ „Am Wochenänd gohni met de Chrege of Paris go schoppe. I hoffe, i fende es Chleid för s’Hochset vo de Mire. De Pouterobe in Berlin werd secher mega. Blablabla.“ „Beschtemmt.“ Das Globetrottel’sche Spektakel endete mit einem Sieg nach Worten: Gefühlte 15’000 zu aufgerundeten 10. Ein Wunder, dass die Sparringpartnerin nicht vorzeitig durch K.o. zu Boden ging.

Im Abschluss gesündigt

Jeder nach seiner Fasson. Daher beende ich an dieser Stelle das zugegeben etwas moralapostolische Intermezzo und fröne wieder dem kreativen Sprachgebrauch. Und halte, wie es sich für einen Austeilenden gehört, nun auch noch selber den Kopf hin. Wissen Sie, wie ich mich hinsichtlich nichtplatonischer Bekanntschaften lange selber bezeichnete? Dumme Frage, wie sollten Sie. Als Spätsünder. Dahinter steckt eine wahrlich zündende Idee: Denn dem körperlichen Feuerwerk zwischen zwei Partnern haftet doch in den Augen vieler etwas Sündhaftes an. Bei mir liess sie also etwas länger auf sich warten, die schönste Nebensache der Welt. Ist das jetzt Sex oder Fussball? In meinem Fall spielt es nicht mal eine Rolle. Ich selbstdiagnostizierte eines Tages nämlich, dass ich an Torschusspanik (ohne L) leiden würde. Halt wie ein Fussballstürmer, dem es während einer längeren Zeitspanne ums Verrecken nicht gelingen will, das Ding zu versenken.

Wer zu spät kommt …

Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass der Ausdruck Torschlusspanik (mit L) lustigerweise tatsächlich mit dem Liebesakt zu tun hat. Wenn auch nicht gänzlich meinen Vorstellungen entsprechend. Im Hamburg des Mittelalters wurden bei Anbruch der Dunkelheit aus Sicherheitgründen die Stadttore geschlossen. Wer an der ausserhalb der Stadtmauern liegenden Reeperbahn Dienstleistungen des horizontalen Gewerbes in Anspruch nahm und dabei nicht in die Gänge kam, soll auch schon mal in Panik geraten sein. Schliesslich drohte nach einem zu ineffizienten Beischlaf mit der Bordsteinschwalbe ein wenig erquicklicher Schlaf auf dem Bordstein. Ich stelle mir den Schauplatz vor – und muss dabei irritierenderweise abermals an meine Schwiegermutter in spe denken: Vor dem geschlossenen Tor der Hansestadt lautete die Devise sicher „Sehen und nicht gesehen werden“.