Ich ertappe mich in letzter Zeit ungewohnt häufig dabei, von früher zu erzählen. Von diesem berühmt berüchtigten Früher, in dem alles besser war. Letztens reiste ich mit meiner Freundin und meinen Eltern für ein Wochenende nach Arosa. Ersterer wollte ich zeigen, wo ich als Kind die Ferien verbrachte, mit letzteren wollte ich in Erinnerungen an diese Zeit schwelgen. Beim Abstecher in die Vergangenheit durfte ein Abstecher auf den Eichhörnliweg nicht fehlen. Für einmal war dort aber nicht drin, was draufstand. Nicht ein einziger der namengebenden Nager lief uns über den Weg. „Früehner händ si öis in Schare us de Händ gfrässe“, versuchte ich etwas verzweifelt, den Schein des Erlebnisses zu wahren. Kurzzeitig und kurzsichtig hielt ich sogar eine Krähe für ein Eichhörnli. Stellen Sie sich vor, wie erstaunt ich war, als dieses plötzlich davon flog. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Für eine Millisekunde fragte ich mich im Schatten der stattlichen Bündner Föhren, ob die Eichhörnli vielleicht noch nicht aus dem Süden zurückgekehrt sind. Tja, so viel ist ein Hochschulabschluss heute wert…

Kontorsion am Bildschirm

Lieber etwas falsch verstehen als etwas Falsches versprechen. Leeren Versprechungen sind wir auch im Werbewald ausgesetzt. Da gibts zum Beispiel einen rötlichen Wundertrank, der angeblich Flügel verleiht. Haben Sie schon mal jemanden mit einer silberblauen Aludose in der Hand herumfliegen sehen? Also wortwörtlich? Auch visuell werden wir bisweilen für dumm verkauft. Als hätten ihre Macher evolutionstechnische Verbesserungsvorschläge, schleicht sich auf Plakaten und Inseraten gelegentlich ein Körperteil zu viel in vermeintlich perfekte Szenerien. In meiner Web-Recherche zu den lustigsten Photoshop-Pannen stiess mir ein Bild besonders schmerzhaft ins Auge. Darauf räkelt sich ein Model auf dem Boden und schlägt die Beine gleich doppelt übereinander. Da war die Nase des Grafikers wohl noch länger als die Beine der lasziven Protagonistin. Nun, der „Photoshöpler“ der ohne Sünde sei, werfe den ersten Stein respektive verunstalte das erste Bild: In meinen Anfängen als Sportfotograf hielt ich während eines Inlinehockey-Matches eine spektakuläre Torraumszene bildlich fest. Leider sauste der orange Ball zu schnell an meiner Linse vorbei. Deshalb fügte ich ihn zuhause kurzerhand selbst ein. Ein (Schnapp-)Schuss in den Ofen, wie sich herausstellte. Mein Chef erkannte die lausige Fälschung. Der anschliessende Rüffel war echt.

Flunkern statt stänkern

Apropos echt: Meiner Meinung nach – und damit trete ich Vollblutromantikern wohl auf den Schlips – zeichnet sich echte zwischenmenschliche Verbundenheit manchmal durch eine Lüge aus. Der Duden definiert die Lüge als eine auf Täuschung angelegte Aussage. Hie und da verhindert eine Täuschung eben eine Enttäuschung. Haben Sie Ihrer oder Ihrem Liebsten nach einem Besuch beim Coiffeur schon mal nahe gelegt, das Geld zurückzuverlangen? Oder waren Sie schon mal bei Freunden zum Essen eingeladen und erwiderten die Frage, wie es denn schmecke, mit einem spontanen „Miserabel“? Ich bin ein Verfechter der kleinen Notlüge. Mich auf die unvorteilhaften Stellen meines Korpus hinzuweisen, erachte ich als Delikt. Liebe Mitmenschen, sagt mir, ich hätte das Aussehen von George Clooney! Und mich auf mein sportliches Untalent aufmerksam zu machen, finde ich äusserst unsportlich. Sagt mir, ich hätte das Ballgefühl von Roger Federer! Die Wahrheit ist toll. Selbstwertgefühl ebenso.

Cheeeeese!

Übrigens, gegen Ende unseres Aroser Spaziergangs überholten wir ein ausgelassenes Rudel an zweibeinigen Pelzträgern. Ich hoffe sehr, es waren nicht echte. Pelze meine ich. Zumindest wäre das ein möglicher Erklärungsansatz für die fehlenden pelzigen Vierbeiner im Wald. Des Rätsels Lösung scheint mir indes eine andere zu sein: Unsere lautstarken Eichhörnliweggefährten verewigten sich alle zwei Meter auf aberwitzigen Selfies. Das war den kleinen flauschigen Flitzern vermutlich einfach zu nervig. Es spielt sowieso keine Rolle, dass auf den Bildern keine Eichhörnli zu sehen sind. Die sind im Handumdrehen reingephotoshopt. Photoshop gabs früher noch nicht. Von wegen früher war alles besser.