Lang lebe König Roger! Nach seinem 18. Grand-Slam-Titel ist der Gott noch ein bisschen göttlicher, die Legende noch ein bisschen legendärer. Weitere Superlativen wären angebracht, sind aber ausverkauft. Schweizweit. Auch ich gehöre zu Roger Federers Groupies. Nach seinem Erfolg vor Wochenfrist in Down Under war ich jedoch nur kurz euphorisiert. Danach eher konsterniert. Eine Frage liess mich nicht mehr los: Weshalb eigentlich spüre ich, wenn ein Fremder am anderen Ende der Welt ein Tennisspiel gewinnt, Schmetterlinge im Bauch – wenn er es verliert hingegen Anzeichen eines Magengeschwürs? Vielleicht inspiriert uns Roger National, auch hochgesteckte Ziele erreichen zu können. Manchmal werde ich jedoch das Gefühl nicht los, dass zu viel Bewunderung für einen solchen Helden die Bewunderung für die eigene Person schmälert. Auf alle Fälle könnte sich Roger Federer nach seinem gefühlt jeden zweiten Tag über den Court gehenden geschichtsträchtigsten Match beim Platzinterview vor seine Fans stellen und über Randensalat sinnieren. Der Jubel wäre ihm gewiss. Aber geht dabei der Bezug zur Realität nicht etwas verloren?

Mein Name ist Mark und ich bin kein Doktor

Zugejubelt wird mir in den allerseltensten Fällen. Was absolut okay ist. Allgemein bin ich nicht der Typ, der einen Raum betritt und sogleich alle Blicke auf sich zieht. Vielmehr bin ich einer, der blickt. Mit unverhältnismässig viel Aufmerksamkeit könnte ich sowieso nicht umgehen. Letztens verbrachten meine Freundin und ich einen Abend bei Freunden. Bei Herr und Frau Doktor Freunden, um genau zu sein. Ebenfalls eingeladen waren ihre Nachbarn. Sie müssen sich jetzt nicht zwei grosskotzige Narzissten vorstellen. Ich komprimiere deren Statements beim Kennenlern-Apéro einfach ein wenig, damit ich nicht zu sehr ausschweife. „Ich bin Hedgefonds-Manager“, verriet er. „Ich bin Doktor in Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie“, verriet sie. In gewohnt bescheidener Manier erzählte daraufhin meine Freundin ihre persönliche Erfolgsstory. „Und ich bin gerade ziemlich eingeschüchtert“, schloss ich die Vorstellungsrunde ab.

Von Texter zu Dexter

Gelegentlich bin ich gerne ein Niemand. Niemand ist schliesslich perfekt. Witz komm raus, du bist umzingelt. Im Ernst, niemand zu sein kann Vorteile haben. Vor ein paar Wochen lernte ich Dexter Morgan kennen. Ich bin Serienjunkie, er die Hauptfigur meiner neuesten TV-Entdeckung. In einem packenden Hin und Her wird der Blutspurenanalytiker und Serienkiller in Personalunion gleichzeitig von der Polizei besoldet und gejagt. Unauffälligkeit erweist sich für ihn als Mutter der leeren Polizeiakte. Aber. Alles hat seine Grenzen. Ich erinnere mich an eine Begegnung mit der Freundin eines Freundes. An drei Begegnungen. „Hallo, ich bin Heidi. Und du?“, fragte sie mich bei der ersten. Sofort fiel mir ihr sympathisches Lachen auf. „Freut mich, ich bin Heidi. Und du?“, fragte sie mich bei der zweiten. Ihr Lachen war mir nicht mehr ganz so sympathisch. „Hey, ich bin Heidi. Und du?“, fragte sie mich schliesslich bei der dritten Begegnung – und lachte dabei, für mein Empfinden, wie Schneewittchens böse Stiefmutter. Heieieidi! Ähnliches passierte mir in meiner Zeit als Redaktor einer Lokalzeitung. Wir Schreibenden wurden darauf getrimmt, so eng wie möglich mit dem Team des hauseigenen Radios zusammenzuarbeiten. Crossmedia sagt man dem. Nach zwei Jahren und unzähligen gemeinsamen Redaktionssitzungen crosste ich unseren Mr. Radio privat auf der Strasse und begrüsste ihn. Er: „Hallo. Wer bist du schon wieder?“ David der Hund in der Pfanne verrückt!

Das Kind beim Namen nennen

Ganz so schlimm steht es um mein Selbstwertgefühl dann doch nicht. Ich würde sonst wohl kaum diesen Text schreiben mit der leisen Erwartung, damit ein, zwei Seitenbesucher zum Lesen zu animieren. Eigenlob stinkt bekanntlich zum Himmel. Ohne Eigenwerbung indes ist man als Selbstständiger der Konkurrenz immer eine Nasenlänge hinterher. Darum erwähne ich an dieser Stelle, dass ich mich auch für Sie liebend gerne auf die Suche nach den richtigen Worten mache. Letztens wachte ich übrigens mitten in der Nacht auf und studierte am richtigen Namen für unseren allfälligen Nachwuchs in spe herum. Das ist wohl so eine Texterkrankheit. Jedenfalls, nicht Heidi. Und nicht David. Und wahrscheinlich auch nicht Roger. Das wäre fast so, als würde man sich mit fremden Federern schmücken.