„Das isch scheisse, scheisse, scheisse!“ Ich bitte vielmals um Entschuldigung für den fäkallastigen Einstieg. Zu meiner Verteidigung habe ich dabei nicht selber formuliert, sondern zitiert – einen schätzungsweise 3-jährigen Buben, dem es jüngst im Zug Richtung Bern ein Bedürfnis war, seine Mutter über eine gewisse Unzufriedenheit in Kenntnis zu setzen. Über was entzieht sich leider meiner Kenntnis. Wie er es tat, empfand ich indes als grosses Kino. Die ansatzweise überforderte Erziehungsberechtigte tat mir natürlich leid. Dem vor Selbstsicherheit strotzenden Sohnemann hingegen hätte ich fast ein spontanes High Five angeboten. Als Texter bin ich quasi dazu verpflichtet, ein Grundmass an sprachlichem Knigge hochzuhalten. Es ist aber nicht meine Aufgabe, um den heissen Brei zu reden. Ich mag kleine Kinder. Unter anderem deshalb, weil sie genau das nie tun. Auch scheren sie sich keinen Deut darum, wie ihr Verhalten vom Umfeld aufgenommen wird. Zumindest so lange nicht, bis sie hinreichend in unsere „Vergleichsgesellschaft“ hineinsozialisiert sind.

Für die kleine Falte zwischendurch

Mein Neffe wurde kürzlich elf Jahre alt. Wohl nicht mal in elf Jahren würden sie erraten, was er sich zum Geburtstag wünschte: Angelzubehör. Während Gleichaltrige vom neuesten Kickboard schwärmen, schlägt sein Herz höher beim Anblick der neuesten Angelrute. Während Gschpänli ihr Sackgeld für Gummiwürmer verprassen, kauft er sich damit einen Sack Regenwürmer. Ob er mit seiner Passion auf dem Pausenplatz Komplimente fischt? Ob er sich damit im Frühstadium des andersgeschlechtlichen Interesses einen Schulschatz angelt? Ich weiss es nicht. Andere Frage: Ist das denn wichtig? Meine Mutter erzählte mir mal, dass ich als kleiner Junge über ein Jahr lang unser Haus nicht ohne Bügeleisen verliess. Glücklicherweise hatten wir keines mit Dampfstation. Über die Beweggründe lässt sich nur spekulieren. Vielleicht wollte ich wie viele andere Knaben einen Cowboy mimen, verstand in der Hitze eines TV-Western-Gefechts jedoch die Sache mit dem Schiesseisen falsch. Vielleicht legte ich aber auch einfach nur wert auf eine faltenfreie Robe. Reaktionen auf meine Vorliebe jedenfalls hätten mich wenig bis gar nicht interessiert, heisst es.

50 Steine des Anstosses

Wir spulen vor – in meine heutige Garderobe. Ich bin nicht mehr genug Kind und etwas zu wenig Mann, sodass ich eine wirklich bequeme Hose in die Kleidersammlung gebe, wenn mir meine Freundin einen vernichtend-mitleidigen Blick zuwirft und fragt: „Die wottsch alegge? Wörkli?“. Ich würde auch niemandem erzählen, dass ich beim Showdown in Dirty Dancing nach zehnmaligem Schauen noch immer Tränen in den Augen habe. Viele Menschen sind durch ein ausbleibendes „I like“ mehr verletzt als durch einen Faustschlag ins Gesicht. Und ebenso viele Menschen entscheiden sich im Zweifelsfall nicht für den Weg ihres Herzens, sondern für derjenigen, der die meisten Schulterklopfer bereithält. Wobei sich diese nur dann restlos gut anfühlen, wenn ihnen eine gewisse Exklusivität zugrunde liegt. So erlangt der Topverdiener einer Firma mit 4000 Franken Lohn vollkommene Glückseligkeit, ärgert sich bei einem Verdienst von 5000 Franken aber grün und blau über den Kollegen am Tisch nebenan, der 5050 Franken kassiert. Und so fühlen sich – was wirklich traurig ist – 5 Freunde wertvoll an, nicht jedoch 10, wenn sich ein Zeitgenosse mit 15 „schmückt“.

Abwärts aufschauen

Mir haben solche Vergleiche bis dato mehr schlaflose Nächte bereitet, als es reale Misserfolge taten. Wahrscheinlich ist es mir aus diesem Grund unter Kindern bisweilen deutlich wohler als unter Erwachsenen. Ich bewundere sie für ihre manchmal gar nonchalante, nie jedoch gekünstelte Art, durchs Leben zu gehen. Ich bewundere sie für ihren Stolz zu sein, was sie sind. Eines Tages möchte ich gerne selber Kinder. Und ich möchte ihnen etwas beibringen. Ich freue mich aber auch darauf, mir von ihnen das Eine oder Andere beibringen zu lassen. Zum Beispiel die Fähigkeit, hin und wieder auf die Meinung anderer – in den Worten meines kleinen Vorbildes aus dem Zug – zu sch…