Mmm … Gestern Abend verzehrte ich die beste Lasagne der Welt. Darüber, werte italienischstämmige Leserschaft, brauchen wir gar nicht erst zu diskutieren: meine Mutter macht sie, die weltbeste Lasagne! Auf das überbackene Träumchen folgte ein luftig-leichtes Schäumchen. Tiramisu. Ziehmichhoch. Zieh mich hoch? Man ist sich nicht einig darüber, was oder wem die Süssspeise von Welt seinen amüsanten Namen zu verdanken hat. Eine These unter vielen besagt, Venezianerinnen hätten in der Renaissance ihren Liebhabern Tiramisu serviert, um ihnen zu mehr Standhaftigkeit für das Dessert nach dem Dessert zu verhelfen.

Bedürfnis in der Grauzone

Es geht immer nur um das eine. Noch einen Beweis? Während ich gestern auserlesene Kulinarik genoss, kam an der Berlinale ein auserlesenes Publikum in den Genuss der Premiere von „Fifty Shades of Grey“. Noch bevor sie zum ersten Mal über die Leinwand flimmerte, rezensierte die Presse die Verfilmung der gleichnamigen Roman-Trilogie rauf und runter. Wie sollte es anders sein, geht es darin ums Rauf und Runter. Ich habe das Werk der britischen Bestseller-Autorin E. L. James nicht gelesen. Wenn doch, würde ich es kaum zugeben. Diesen Funken gutschweizerischer Prüderie mögen sie mir verzeihen. Durch die eine oder andere Sekundärlektüre weiss ich indes, dass „Fifty Shades of Grey“ von der Studentin Anastasia Steele erzählt, die mit dem Unternehmer und Milliardär Christian Grey eine Affäre eingeht. So weit, so unkontrovers. In aller Munde ist der Streifen wegen der dominanten Neigung des männlichen Hauptdarstellers, die seine Liaison in einem ausgelassenen sadomasochistischen Stelldichein wortwörtlich zu spüren bekommt.

Ich habe unter mir, also bin ich

Obwohl ich ein Mann bin, fesselt mich an dieser Erzählung nicht das Schlüpfrige, sondern die Sache mit der Dominanz. Kürzlich fragte ich im Dienst (für das Vaterland) einen Kollegen, was er beruflich mache. „Ich han füüf Lüüt under mir und bin Tüfbäuzäichner.“ Letzteres erwähnte er nicht, weil es ihm relevant schien. Zumindest hatte ich diesen Eindruck. Vermutlich wusste Genosse Grün nichts Besseres mit der Restluft in seiner Lunge anzufangen, als damit den Satz in die Länge zu ziehen. Die zentrale Message lautete: „Ich habe Leute unter mir“. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Denn Tage zuvor war mir der gleiche Wortlaut in anderem Dialekt schon mal in die Ohren gesprungen. „Ech schaffe emmerno be [Name der Firma]. Ech han jetz aber sebe Lüüt onder mer“, sprach eine Frau im Zug von Bern nach Luzern mit nachhallendem Stolz ins Mikrofon ihres smarten Telefons.

Froh dank Klaps auf Po

In einer kritischen Würdigung von „Fifty Shades of Grey“ las ich, dass in der heutigen Gesellschaft Beziehungen von Unsicherheit geprägt seien und der titelgebenden Figur SM-Praktiken helfen würden, solche abzubauen. Ich spüre überall Unsicherheit. Nicht wirtschaftlicher Natur. Ich meine die Unsicherheit vieler Menschen, ob sie, so wie sie sind, genügen. Wohl vermag die Idee, jemanden hierarchisch unter sich zu wissen, diesem beklemmenden Gefühl entgegenzuwirken. Ich werde jedoch ein anderes Gefühl nicht los. Nämlich dass eine solche Unsicherheit anders und ganz einfach zu vermeiden wäre, indem man sich Mühe gibt, bei dem was man tut. Und indem man anständig zueinander ist. Das klingt jetzt ein wenig nach Moralapostelei. Ich bin aber überzeugt davon, dass es so mit dem Selbstwertgefühl auch ohne Unterstützung einer Hackordnung klappt.

Durchsetzen kann man sich auch von unten

Wobei ich am Schluss schon sehr gerne betonen möchte, dass ich in unserem Atelier ebenfalls jemanden unter mir habe. Jetzt gerade. Unter meinem Tisch. Mit einem kurzen Stupser an die Wade werde ich zu einer Streicheleinheit aufgefordert. Um einen lauten Schlagabtausch mit der Spontanbesucherin zu vermeiden, leiste ich ihrem Appell ohne Widerrede Folge. Schliesslich hat sie die grössere Schnauze als ich – Ellie, die Bulldoggen-Dame meines Chefs.