Ich schreibe ein Buch, dachte ich. Schliesslich würde man mir in meinem näheren Umfeld ein gewisses Mass an Talent attestieren, dachte ich. Wobei solche Würdigungen ja in etwa so kritisch sind wie die politische Lage in Island. Ich schreibe also ein Buch. Nur, über was? Der Literaturclub, der gleich über den Äther gehen würde, wäre womöglich eine Quelle der Inspiration, dachte ich – und setzte mich vor den Bildschirm. Da sass ich auch rund eine Stunde später noch. Ohne Idee für einen spannenden Plot. Dafür mit Zweifel, und das gleich in zweierlei Hinsicht. Nachdem eine Literaturkritikerin und ein Philosoph in hochstehendem Hochdeutsch hochtrabend die beeindruckende Grösse ihrer sprachlichen Geschlechtsteile demonstrierten, stellte ich mein No-Billag-Nein infrage – und gleichzeitig leider auch mein Können als Schreibender. Mit ihrem aus exzessiven Monologen bestehenden Dialog schafften es die beiden Experten, mich regelrecht einzuschüchtern. Und ich empfand wie der Protagonist meiner fünftliebsten TV-Serie, der jüngst sagte: „Ich habe gerade meinen Schatten beschimpft, weil er mit einem Loser abhängt.“

Hier darfst du nicht

Dieses vermaledeite mangelnde Selbstvertrauen – ich persönlich nenne es bevorzugt realistische Selbsteinschätzung – korreliert mit der Gabe, mich in gewissen Situationen über die Massen tollpatschig anzustellen. Letzte Woche ass ich im Restaurant Gut gelaunt zu Mittag. Was völlig unpassend war, weil meine Laune aufgrund einer Jobabsage alles andere als gut war. Das Essen weit besser verdaut als die Absage, versank ich auf dem Weg zum stillen Örtchen in Erinnerungen an den grausamen Augenblick in der Schülerdisco, als die Angebetete meine Anfrage nach einem gemeinsamen Tanz mit einem desinteressierten „Lieber nicht“ ablehnte. Beim Verlassen der gut gelaunten Toilette schien sich dann indes ein zwischenmenschlicher Erfolg anzubahnen. Die Frau im Flur, sie ignorierte mich nicht, sie blickte mich explizit an. Aber war sie entzückt? Oder vielmehr entnervt? Ich drehte mich um und bemerkte, dass ich die eigentlich unzweideutig geschlechtsanzeigenden Figuren auf der Türe missverstanden und fälschlicherweise das Damen-WC besetzt hatte. Es schien, als käme meine Schamesröte im grellen Licht der flackernden Leuchtstoffröhre noch besser zur Geltung.

Der Dunning-Kruger-Effekt

Wie im vergangenen Jahr in der Sonne Ibizas, als ich am Strand derart vertieft in ein weibliches Antlitz war, dass ich unter strenger Beobachtung meiner drei Neffen über einen Stein stolperte und die Hälfte meines Mojitos verschüttete. Was mein Buchprojekt anbelangt: Ich könnte eines über diesen und viele weitere peinliche Aufritte von mir schreiben. Das wäre dann aber eher ein Nachschlagewerk. Vielleicht sollte ich mal nachschlagen, ob Selbstvertrauen lernbar ist. Ich denke schon. Nur habe ich grossen Respekt davor, weil zwischen betörendem Selbstvertrauen und störender Selbstüberschätzung ein schmaler Grat liegt. Die Wissenschaftler David Dunning und Justin Kruger erwähnten Ende der 90er-Jahre in einer Publikation, dass relativ inkompetente Menschen dazu neigen, das eigene Können zu überschätzen und die Kompetenz anderer zu unterschätzen. Ich gebe zu, auch ich habe schon mal die Vorhand von Roger Federer, die Vorspeise eines Gault-Millau-Kochs oder das Vorgehen des Bundesrates kritisiert. In aller Regel steht meinem Wesen der Umhang des Understatements aber besser als jener der Überheblichkeit.

Ohne Worte

Ein selbstständiger Kreativer wie ich müsste sich bei Ihnen als Tausendsassa anpreisen. Das ist mir zu doof. Ich sage, was ich kann. Und ich verschweige nicht, was ich nicht kann. Wobei ich gegen Ende dieses Textes doch noch eine Lanze für mein schreibendes Ich brechen muss. Vor allem, wenn ich mir die Nachrichten zu Gemüte führe, die mich in einem von Sportkameraden gerade rege genutzten WhatsApp-Chat im 20-Sekunden-Takt erreichen. Scheiss auf Interpunktion. Scheiss auf Orthografie. Überhaupt, scheiss auf Wörter. Nichts, was es mit Emojis nicht mitzuteilen gäbe. Und sollte die Miene eines dieser nervtötenden Smileys doch einmal ambivalent sein, dient im Zweifelsfall ein zusätzlicher Daumen hoch oder runter als Rätsels Lösung. Das eigene Buch bleibt vorerst im Büchergestell meines limbischen Systems. Falls ich Ihnen in verbalen Angelegenheiten aber unter die Arme greifen kann, einfach melden. Zumindest bestehen meine Texte noch aus Wörtern.